Mit 100 Sachen in die Wohnungsnot

 

„Ich bin wütend, weil weil ich glaube, dass ich es nicht verdient habe, aus der Stadt vertrieben zu werden, als wenn ich mir etwas zuschulden hätte kommen lassen.“

(Heinz-Georg-Fuchs, Mieter in München)

 

 

Das Schneckengehäuse entstand im Verlaufe eines langen, bereits im Kambrium einsetzenden evolutionären Prozesses aus Kalkstacheln und Schalenplatten früher Weichtiere. Es ist fest mit dem Körper der Schnecke verbunden und dient ihrem Schutz vor Feinden und Verletzungen. Das Gute: Das Haus gehört allein ihr und ist keinen Mietsteigerungen unterworfen, die sie zum Auszug zwingen könnten. Bei uns Menschen ist das anders, und gerade für eine größer werdende Zahl älterer Menschen sind altersgerechte Wohnungen oftmals nicht mehr bezahlbar.

 

„Die Deutschen werden älter. Es fehlt aber an altersgerechtem Wohnraum und Pflegeplätzen. Experten fordern Maßnahmen vom Staat, um die Lage zu entschärfen. Die Babyboomer gehen in Rente. Das verändert unsere Gesellschaft gewaltig. Wer wissen möchte, wie deren Altersstruktur in Zukunft aussieht, kann dafür nach Südthüringen schauen. In der Stadt Suhl liegt der Rentneranteil schon ietzt bei mehr als 32 Prozent.

In 20 Jahren wird das in vielen anderen Regionen Deutschlands ebenfalls der Fall sein, zeigt eine aktuelle Untersuchung des Pestel-Instituts. Mehr als 21 Millionen Menschen werden dann über 67 Jahre alt sein – etwa 3,6 Millionen mehr als derzeit.“ (1)

 

Es trifft genau in die Mitte

 

Kleinere und altersgerechte Wohnungen sind immer gefragter und immer weniger bezahlbar für Babyboomer oder ältere Menschen, die in Rente gehen. Die höchste Mieten werden aktuell in Frankfurt, Berlin und München aufgerufen. Gunther Geiler, Geschäftsführer Deutscher Mieterbund Nürnberg: „ Es betrifft immer mehr Menschen im mittleren Bereich der Bevölkerung mit mittlerem Einkommen, die normalerweise niemals geglaubt hätten, ein Wohnungsproblem zu kriegen.“ (2) So zum Beispiel Heinz-Georg-Fuchs, Mieter in München : „Ich bin wütend, weil weil ich glaube, dass ich es nicht verdient habe, aus der Stadt vertrieben zu werden, als wenn ich mir etwas zuschulden hätte kommen lassen.“

 

Experten sind sich einig, dass der Staat bessere Rahmenbedingungen schaffen muss, um die Finanzierung der Pflege und die der dringend benötigen Seniorenimmobilien auf ein stabileres Fundament zu stellen. Derzeit gibt es laut dem Analysehaus Bulwiengesa etwa 886.000 Plätze für eine Dauerpflege in Heimen. Bis 2040 besteht ein zusätzlicher Bedarf an 472.000 Pflegeplätzen.

Doch nicht nur Pflegeplätze fehlen, der Bedarf an Wohnkonzepten für Seniorinnen und Senioren steigt ebenfalls. Die Ruheständler möchten mittlerweile möglichst lange aktiv bleiben und selbstbestimmt leben. Derzeit wohnen etwa 360.000 Senioren und Seniorinnen in betreuten Wohnanlagen.

Bis zum Jahr 2040 braucht es voraussichtlich eine weitere Zunahme der Einheiten auf 470.000. Die schon jetzt große Lücke zwischen Wohnungsangebot und -nachfrage seitens potenzieller Bewohner wird angesichts der Zurückhaltung von Investoren noch größer.

 

Mit 100 Sachen in die graue Wohnungsnot

 

„Keine Treppen, Platz für Rollator und Rollstuhl, barrierefreier Zugang zur Dusche: Senioren haben beim Wohnen andere Bedürfnisse als jüngere Menschen. Schon heute aber fehlen nach Angaben des Pestel-Instituts 2,2 Millionen altersgerechte Wohnungen.

Mit der Babyboomer-Generation wird der Bedarf in den kommenden Jahren stark steigen: Mehr als 21 Millionen Menschen werden in 20 Jahren demnach zur Altersgruppe 67plus gehören – rund 3,6 Millionen mehr als heute. 2040 werden laut Studie so bereits 3,3 Millionen seniorengerechte Wohnungen gebraucht.

Der Wohnungsmarkt sei auf diese Situation „ganz und gar nicht vorbereitet“, warnt Matthias Günther, Leiter des Pestel-Instituts. „Deutschland rast gerade mit 100 Sachen in die 'graue Wohnungsnot‘“. (3)

 

Schneckentempo ist also keine Lösung des Problems für diejenigen, die nicht gerade das Glück haben, in einem Schneckenhaus zu wohnen.

 

(1) Handelsblatt, 13.05.2023 

(2) ZDF heute, 17.04.2023

(3) t-online, 17.04.2023

©Bild: Kevin Bergen auf Unsplash