Raus aus dem Babyboomer-Blues

Der Generation unserer Eltern fehlte es an nichts – außer an Zukunft. Jetzt steht sie vor der Rente und weiß nicht, wohin mit sich. Wir Millennials fordern: Nicht verzagen! […]

 

Neulich beim Italiener. An einem Tisch sitzen Paare im Alter meiner Eltern.  […] Es geht nicht um Krankheiten an diesen Abenden, nicht um Geld, warum auch, Geld ist da. Und nicht um Krieg. Dennoch wirken diese Paare an ihren unterschiedlichen Orten, in ihren jeweils privilegierten Umständen tief ernüchtert. Von ihren Sorgen erfährt man allenfalls, wenn man sehr nah an ihnen dran ist oder mit denen spricht, die sie sehr gut kennen. Ein eisernes Gesetz der Babyboomer: Frei sein heißt, ungestört von der Außenwelt zu sein. Ein anderes: Kein Wort der Schwäche verlässt das Haus.

Eigentlich halten wir Millennials nichts von Generationenkonflikten. Wir sind zu wenige, um mit ihnen etwas gewinnen zu können, außerdem gehören wir selbst nirgendwo so richtig dazu. Es gibt Millennials, die noch mit dem Discman zur Schule liefen, und solche, die mit fünf Jahren ihr erstes Youtube-Video aufnahmen. Außerdem ist es gewagt, einer ganzen Altersgruppe einen Begriff aufzudrängen. Besonders wenn die Generation so riesig und einflussreich ist wie die der sogenannten Boomer.

Studien sagen den Babyboomern ein großes Gruppenselbstbewusstsein nach. Ihre Kognitionsjahre, die Zeit, in der sie ihre Interessen entwickelten, waren die Aufbruchsjahre der Sechziger und Siebziger. Ihre Eltern, unsere Großeltern, wollten ein besseres Leben für sie, versorgten sie mit Privilegien und Idealen. […] Unsere Elterngeneration ist in klassischen Familien mit Hierarchien, Werten und Erwartungen aufgewachsen. Die vielen Gleichaltrigen waren eine produktive Konkurrenz. Sie setzten sich für eine bessere Welt ein, fanden die existierende aber nicht so ungemütlich, dass man es auf eine Revolution hätte ankommen lassen müssen. Sie gründeten ihre Familien ohne große Grübelei, denn das ganze Konstrukt ihrer Lebensplanung war auf ihre Paarbeziehung ausgerichtet. […] 

Die Babyboomer schienen mit der Fähigkeit ausgestattet, alle Misslichkeiten des Lebens in Leichtigkeit zu verwandeln. Anekdotisch und mit dieser unbeschwerten, für sie typischen Ironie, als ginge es gar nicht um sie persönlich, sondern um „die“ Gesellschaft, erzählen sie heute von ihrer Haltung und ihren Sehnsüchten, mystisch aufgeladen durch die Filme, die Musik und die Kultautos der Sechziger und Siebziger. […]

 

Dennoch stimmt etwas nicht. Wir Millennials, die die Unsicherheit im Blut haben, fühlen es. Die Aussicht auf schrumpfende Renten, die Angst vor der eigenen Pflegebedürftigkeit hat damit zu tun. Das heranrollende Unglück wird flankiert von der Einsamkeit, die auch viele Boomer seit der Pandemie erlebt haben. Aber auch mit den Möglichkeiten und Varianten ihrer Lebensläufe, den historischen Lebensbedingungen. Es muss sich für sie anfühlen, als wären sie betrogen worden. […]

Für ihr Buch „Gegen die Ohnmacht“ hat sich die Klimaaktivistin Luisa Neubauer mit ihrer Großmutter Dagmar Reemtsma zusammengetan. Ihre Elterngeneration kommt dabei nicht gut weg. Sie schreibt: „Meine Mutter wuchs in eine Welt hinein, in der Konsum Heilung bedeutete. Vom Krieg, von der Zerstörung. Auf Hochtouren arbeitete man an der Verbilligung von Konsumgütern.“ Und sie schreibt von der genervten Reaktion der sogenannten Boomer auf die Empörung ihrer Großmutter, wenn jemand Essen verschwendete oder etwas wegwarf, was man aus ihrer Sicht noch reparieren konnte. […]

Unsere Elterngeneration blickt auf ihre Bildschirme und sucht im Digitalen Zuflucht. Welche Verlassenheitsgefühle es erzeugt, wenn wir am Bildschirm zuschauen, wie andere Menschen ihren Spaß haben, hat die Psychologin Jean M. Twenge beschrieben. Und dann klagen auch noch unentwegt Klimaschützer die Versäumnisse ihrer Generation an, jene, für die sie alles erwirtschaftet hat. „Es sind die Alten und die Jungen, die sich verabreden“, schreibt Luisa Neubauer. „Vielleicht weil sie weniger zu verlieren haben als die Generationen zwischen uns. Wir müssen keine Angst haben, radikale Veränderungen einzufordern. Es sind vor allem die Boomer zwischen uns, die . . . in so großen Zahlen meinen, vom Status quo zu profitieren, dass er im Zweifel in all seiner ökologischen Zerstörung lieber beschützt als infrage gestellt wird.“ […]

 

Wie sich unsere Elterngeneration in den nächsten Jahren verhält, wird Auswirkungen auf die Lebensqualität unserer und der nächsten Generationen haben. Sie sind Wähler und Konsumenten und werden es noch lange bleiben. Sie sind Pioniere. Wir Millennials sollten ihnen beim Versuch, neu und anders zu altern als ihre Vorgänger, behilflich sein. Schon allein deshalb, weil wir es später selbst lernen müssen.

 

©Text: FAZ, 06.04.2023 | ©Foto: Tobias Tullius auf Unsplash